Militärunternehmertum in der Eidgenossenschaft (16.-18. Jahrhundert)

Habilitationsprojekt an der Universität Bern


Das hier skizzierte Habilitationsprojekt handelt von Söldnerdiensten, Familieninteressen, Verflechtungszusammenhängen und hybriden Identitäten der politisch-militärischen Eliten in der frühneuzeitlichen Eidgenossenschaft. Damit berührt das Projekt ein fundamentales Problem der älteren Schweizer Geschichte und der allgemeinen Geschichte der frühen Neuzeit. Seit den Burgunderkriegen war der Handel mit Söldnern ein wichtiges Geschäft für die eidgenössischen Orte und ihre Obrigkeiten. Auf den Schlachtfeldern im frühneuzeitlichen Europa waren neben Iren, Kroaten, deutschen Landsknechten oder Kosaken immer auch Schweizer Söldner anzutreffen. Sie stellten seit dem Ende des 15. Jahrhunderts die Leibgarden des französischen Königs und des Heiligen Vaters in Rom. Die zahlreichen Schweizer Garde- oder Linienregimenter eröffneten eine Einkommensmöglichkeit für mehrere hunderttausend Untertanen, die im Verlauf der frühen Neuzeit als temporäre Arbeitsmigranten in die fremden Diensten zogen. Die Kantone entwickelten mit Soldallianzen und sogenannten Kapitulationen ein vertragliches Instrumentarium, das es ihnen ermöglichte, die Söldnerströme zu kanalisieren und den Export der militärischen Gewalt so abzuwickeln „wie die grossen deutschen Kriegsunternehmer, die den Herrschern ganze Regimenter und Armeen zur Verfügung stellten.“[1] Diese diplomatisch-militärische Verflechtung mit den umliegenden Großmächten Frankreich, Spanien, Savoyen oder den Niederlanden war für die Kantone von herausragender Bedeutung, denn die dadurch vermittelten Ressourcen (Pensionen) erlaubten es den Orten, die Steuern tief zu halten. Aus den Vereinbarungen mit den Kriegsherren zogen die Kantone auch einen sicherheitspolitischen Nutzen, der sich kostenmäßig günstig niederschlug. Die Kantone ließen sich in den Allianzen von den Kriegsherren ein Rückberufungsrecht der im Ausland weilenden Regimenter im Kriegsfall zusichern. Dadurch verfügten sie über gut ausgebildete und kriegserfahrene Truppen, für deren Ausbildungskosten nicht sie selber, sondern die werbenden Kriegsherren aufzukommen hatten. Die Soldallianzen beinhalteten außerdem zahlreiche Handelsprivilegien, die es eidgenössischen Kaufleuten ermöglichten, ihre Waren zollfrei nach Frankreich oder nach Mailand zu verfrachten und diese potentiellen Käufern zum Vorzugspreis anzubieten.


Hinter dieser Politik der Orte standen Familieninteressen, deren ökonomischen und machtpolitischen Ambitionen eng mit den fremden Diensten verknüpft waren. Sowohl die familialen Strategien des sozialen Aufstiegs als auch die familialen Strategien des Obenbleibens waren abhängig von Patronageressourcen fremder Herren im Bereich des Militärs. Ihre Macht vor Ort gründete zu großen Teilen auf dem finanziellen, kulturellen und sozialen Kapital, das sie aus den fremden Diensten zogen. Die Außenpolitik der Orte war nach ihren Bedürfnissen ausgerichtet und bildete gewissermaßen die Resultante dieser Familieninteressen. Es waren Familien wie die Berner von Erlach, die Solothurner von Roll, die Zuger Zurlauben, die Walliser Stockalper, die Urner Zwyer oder die Luzerner Pfyffer, welche aus dem Geschäft mit der militärischen Gewalt ökonomischen und machtpolitischen Nutzen zogen. Illustrieren lassen sich diese Zusammenhänge besonders gut am Beispiel der Luzerner Familie Pfyffer.[2] Die Pfyffer gehörten während der frühen Neuzeit zu den führenden Familien in Luzern und in der katholischen Eidgenossenschaft. Ihr rascher Aufstieg in den innersten Zirkel der luzernischen Machtelite im Verlauf des 16. Jahrhunderts ist bemerkenswert. Die Pfyffer wurden erst Ende des 15. Jh. in Luzern ansässig. Der Stammvater Hans Pfyffer erhielt 1483 das Luzerner Bürgerrecht und saß ab 1489 im Großen und ab 1513 im Kleinen Rat. In den folgenden Jahrzehnten sicherte sich die Familie zahlreiche weitere Ratsstellen und war um 1600 in beiden Gremien gleichzeitig mit je sieben Mitgliedern vertreten. Jeder fünfte Kleinrat war damals ein Pfyffer. Insgesamt stellten die Pfyffer zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert fünfmal den Schultheißen. Die Geschwindigkeit ihres sozialen Aufstiegs und ihre politische Vormachtstellung in Luzern gelten in der Forschung als beispiellos. Gleichzeitig ist die pfyffersche Machtpolitik auch modellhaft für eine ganze Epoche. Denn ihr Machtzuwachs war eng mit ihren lukrativen Geschäftsbeziehungen mit Frankreich verbunden. Als erfolgreiche Söldnerführer verfügten die Pfyffer über einen exklusiven Zugang zu französischen Patronageressourcen, welche sie äußerst effizient in politische Macht vor Ort ummünzten. Die Biographie Ludwig Pfyffers, des sogenannten „Schweizerkönigs“, verdeutlicht, wie eng der Konnex zwischen militärischer Karriere als Söldnerführer in Frankreich und politischem Machtgewinn in Luzern war. Der Sohn des Luzerner Seckelmeisters Leodegar Pfyffer wurde 1554 in den Kleinen Rat gewählt. Gleichzeitig stand Pfyffer ab 1553 im Sold Frankreichs und war 1563 bereits Inhaber eines eigenen Regiments. Seine Einkünfte als Militärunternehmer, aber auch der Handel mit Tuch, Vieh und Salz sowie Geldgeschäfte, machten Pfyffer zum vermutlich reichsten Schweizer seiner Zeit. Von Frankreich und dem Kaiser nobilitiert amtete er seit 1570 bis zu seinem Lebensende 1594 als Schultheiß. Der päpstlichen Diplomatie erschien Ludwig als „il maggior homo che questa natione habbia“.[3] Ähnlich lautete die Einschätzung der französischen Diplomatie. Der Ambassador Pomponne de Bellièvre bezeichnete Pfyffer nach seiner Wahl zum Schultheißen als die für den König wertvollste Persönlichkeit in der Schweiz. Bei Truppenaushebungen scheint es üblich gewesen zu sein, vorgängig bei Pfyffer um Rat und Beistand nachzusuchen. Der rasante Aufstieg der Familie Pfyffer ins Patriziat und die familialen Strategien des Obenbleibens waren eng mit ihrer Tätigkeit als Militärunternehmer verquickt. Von den 47 Pfyffer, welche auf den Ratslisten zwischen 1518 und 1648 zu finden sind, zog etwa die Hälfte in fremde Dienste. Seit den Bündnisschlüssen mit Savoyen, dem Heiligen Stuhl und Spanien war die einflussreiche Familie auf sämtlichen Pensionen- und Soldlisten der führenden katholischen Mächte zu finden. Im Bericht des Nuntius Ladislaus d’Aquino aus dem Jahr 1612 erscheinen verschiedene Pfyffer ganz selbstverständlich als führende Exponenten der päpstlichen, der spanischen, der französischen und der savoyischen Faktionen in Luzern. Diese einträglichen Mehrfachbindungen beschleunigten die familiale Ressourcenmaximierung, wobei die Interessensverflechtung mit Frankreich im 17. Jahrhundert Eingang in das familiale Selbstbild und mit dem postumen Idealporträt Ludwig Pfyffers ihren kongenialen künstlerischen Ausdruck fand.


Idealporträt von Ludwig Pfyffer von Altishofen (1524-1594) kurz nach 1630, Öl auf Leinwand, in: Renaissancemalerei in Luzern, 1560-1650 (600 Jahre Stadt und Land Luzern), Luzern 1986, S. 42.


Das Porträt zeugt eindrucksvoll von der aristokratischen Würde und militärischen Potenz in der Selbstwahrnehmung des Geschlechts. Dabei bringt das mit den abwechslungsweise aufgenähten Schweizerkreuzen und französischen Lilien geschmückte Wams die symbiotische Beziehung zwischen den Pfyffer und Frankreich auf perfekte Weise zur Geltung. Die Grenzen zwischen Frankreich und der Schweiz – zwischen Innen und Außen – scheinen sich vollständig zu verflüchtigen. Hybride Identitäten und multiple Loyalitäten, das veranschaulicht das Porträt Ludwigs auf imposante Weise, gehörten um 1600 zum kollektiven Selbstverständnis dieser eng mit Frankreich verflochtenen Militärunternehmerfamilie. Akteure, Strukturen und Praktiken des eidgenössischen Militärunternehmertums sollen in der Studie am Beispiel verschiedener Familien untersucht und in einer transnationalen Perspektive beschrieben werden. Im Unterschied etwa zur deutschen Forschung, wo sich die universitäre Forschung und insbesondere die neuere Militärgeschichte bereits seit Jahrzehnten kultur-, sozial- und wirtschaftsgeschichtlicher Fragen angenommen hat,[4] stellen die fremden Dienste in der Schweiz nach wie vor eine beliebte Domäne für uniformierte Historiker und familiengeschichtlich interessierte Laienhistoriker dar. Diese unangemessene Verengung auf einen rein militär- bzw. familiengeschichtlichen Fokus gilt es zu durchbrechen, indem theoretische und methodische Angebote aus der Sozial-, Kultur- und Wirtschaftsgeschichte produktiv genutzt und das Thema an internationale Forschungsdiskurse angebunden werden soll. Praktiken der Außenbeziehungen (Patronage), klienteläre Netzwerke im Bereich des Militärs zwecks Truppenrekrutierungen, Kontakte zu Banken und Handelshäusern zwecks Kreditbeschaffung für die Truppenbesoldung und das benötigte Kriegsmaterial, Kriegsmaterialhandel (Kontakte zu Kanonengießern und anderen Waffenherstellern und -händlern), Kulturtransfer und die Logiken familialer Machtpolitik bilden thematische Bereiche, die vorwiegend für das 17. Jahrhundert untersucht werden sollen. Sowohl das Handeln einzelner Söldnerführer als auch die generationenübergreifenden Machtstrategien der Militärunternehmerfamilien sollen nachgezeichnet werden. Dabei soll der Aufstieg (Pfyffer) wie auch der Niedergang einzelner Militärunternehmerfamilien (Zurlauben) in den Blick genommen werden. Die Thematik wird somit daraufhin untersucht, welche Chancen das Militärunternehmertum den eidgenössischen Eliten bot, aber auch mit welchen Schwierigkeiten sich die Militärunternehmerfamilien konfrontiert sahen (Schuldenpolitik der Kriegsherren, Freikompanien etc.). Ebenfalls spezifisch in den Blick genommen werden die diplomatischen Schnittstellen zwischen den Soldunternehmerfamilien und den königsnahen Akteuren in der Schweiz (Gesandte, Ambassadoren) und an den auswärtigen Höfen („Colonels Généraux“ der Schweizer und Bündner in Paris, Oberste der Schweizergarderegimenter in Frankreich, Savoyen oder Rom, etc.). Es stellt außerdem einen besonderen Reiz der Arbeit dar, die „republikanische“ Form des Militärunternehmertums den vergleichsweise gut untersuchten „monarchischen“ Varianten gegenüberzustellen.[5] Das überlieferte Material in Familienarchiven, Staatsarchiven oder in der Abschriftensammlung des Bundesarchivs bildet die Quellengrundlage, welche mit Beständen in ausländischen Archiven ergänzt werden soll (Paris, Mailand, Turin, Wien). Mit dem Thema Militärunternehmertum hat sich das Projekt vorgenommen, eine schmerzliche Forschungslücke zu schließen und somit einen substantiellen Beitrag für die ältere Schweizer Geschichte in einer transnationalen Perspektive zu leisten.

Dr. Philippe Rogger, Historisches Institut, Universität Bern

Kontakt: philippe.rogger(at)hist.unibe.ch

 


[1] Hans Conrad Peyer, Schweizer in fremden Diensten – Ein Überblick. Festvortrag anlässlich der 12. Jahresversammlung der Schweizerischen Gesellschaft für militärhistorische Studienreisen vom 11. April 1992 in Solothurn-St. Niklaus, Schloss Waldegg, in: Schweizer Soldat und MFD, Ausgabe 6, 67. Jahrgang, Biel 1992, S. 4-8, hier S. 4.

[2] Die Grundlage der folgenden Ausführungen bildet mein Aufsatz Familiale Machtpolitik und Militärunternehmertum im katholischen Vorort – Die Pfyffer von Luzern im Umfeld des Dreissigjährigen Krieges, in: André Holenstein, Georg von Erlach (Hrsg.), Im Auge des Hurrikans. Eidgenössische Machteliten und der Dreissigjährige Krieg, erscheint im September 2015 (zugleich Sonderausgabe der Berner Zeitschrift für Geschichte in Kooperation mit der Stiftung Schloss Spiez und dem Historischen Institut der Universität Bern).

[3] Ottavio Paravicini an den Grossherzog der Toskana vom 24.2.1588. Leonhard Haas, Die spanischen Jahrgelder von 1588 und die politischen Faktionen in der Innerschweiz zur Zeit Ludwig Pfyffers, in: Zeitschrift für Schweizerische Kirchengeschichte 45 (1951), S. 81-108, 161-189, hier S. 90 (Anm. 3).

[4] Vgl. u.a. Ralf Pröve, Lebenswelten. Militärische Milieus in der Neuzeit. Gesammelte Abhandlungen, hrsg. von Bernhard R. Kroener und Angela Strauß, Berlin 2010.

[5] Fritz Redlich, The German Military Enterpriser and his Work Force. A Study in European Economic and Social History, 2 Bde, Wiesbaden 1964-1965; Stig Förster, Christian Jansen, Günther Kronenbitter (Hrsg.), Rückkehr der Condottieri? Krieg und Militär zwischen staatlichem Monopol und Privatisierung: Von der Antike bis zur Gegenwart, Paderborn 2010; David Parrott, The Business of War. Military Enterprise and Military Revolution in Early Modern Europe, New York 2012.


Empfohlene Zitierweise: Philippe Rogger – Militärunternehmertum in der Eidgenossenschaft (16.-18. Jahrhundert). In: Dreißigjähriger Krieg Online – Projekte, hg. von Markus Meumann (Online-Ressource; URL: https://thirty-years-war-online.projekte.thulb.uni-jena.de/projekte/philippe-rogger-militaerunternehmertum-in-der-eidgenosse [Datum des Aufrufs in eckigen Klammern]).